📌 1. Alltagsszene: Die Banalität von Gewalt am Arbeitsplatz
Diese Woche hörte ich in der U-Bahn einen Manager über sein Headset mit der Personalabteilung sprechen. Er erklärte, dass eine Mitarbeiterin bereits eine Abmahnung erhalten habe. Bei einer zweiten würde „Schluss sein, wir beenden das. Sie ist zu eigenartig.“
Es war schockierend, ihn diese Worte zwischen den Türsignalen brüllen zu hören – nicht nur für seine Gesprächspartner, sondern für alle Fahrgäste. Eine Mitarbeiterin als „zu eigenartig“ zu bezeichnen, um ihre Kündigung zu rechtfertigen, ist schlichtweg haarsträubend. So zeigt sich die alltägliche Härte in der Arbeitswelt.
Ich mache den Managern keinen Vorwurf: Auch sie stehen unter Druck, haben Ziele und Verantwortung. Aber es ist erschreckend zu sehen, dass viele von ihnen einst „einfache Angestellte“ waren. Der Aufstieg scheint ihnen das Recht zu geben, nun diejenigen zu unterdrücken, die sie früher selbst waren.
➡️ Diese Szene fasst eine traurige Realität zusammen: Leiden am Arbeitsplatz. Stress am Arbeitsplatz, unsichtbar, schleichend und doch in vielen Unternehmen normalisiert.
⚡ 2. Ein stiller, tiefsitzender Druck
Unwohlsein im Beruf erfolgt nicht aus heiterem Himmel.
Es resultiert aus mehreren Belastungsfaktoren:
- Leistungsdruck, stetig steigende Zielsetzungen
- Verlust des Sinns der eigenen Arbeit
- Diskrepanz zwischen persönlichen Werten und Unternehmenskultur
- Angst um den Arbeitsplatz, finanzielle Unsicherheit
- Mangelnde Anerkennung
✍️ Erfahrungsbericht einer Mitarbeiterin
Wer noch nie am Arbeitsplatz gelitten hat, könnte diesen Bericht als Überempfindlichkeit oder Schwäche interpretieren. Und tatsächlich ist da ein Funken Wahrheit – doch diese Empfindsamkeit wächst langsam, still und unmerklich in einer Situation, die man als toxisch bezeichnen könnte.
Berufliches Unwohlsein entwickelt sich oft schleichend:
Zunächst kaum bemerkbar, dann immer spürbarer. Es ist ein leiser, schleichender Prozess.
🕊️ Der Anfang: Anspruch, Angst und Druck
Diese Geschichte beginnt mit hohem Anspruch an sich selbst, der Angst, zu versagen, und der Sorge, keine Alternative zu haben – während der Druck von einem Management steigt, das man heute gern als toxisch bezeichnet.
Aber: Toxisch für wen und inwiefern?
Meine direkte Vorgesetzte hatte gekündigt und wurde durch eine chaotische Nachfolgerin ersetzt, die ihrerseits nach drei Monaten wieder ging.
Die Position blieb unbesetzt, die Aufgaben notdürftig verteilt.
Einige Monate zuvor war bereits eine Kollegin unter harten Bedingungen entlassen worden.
Die Art und Weise, wie ihr Austritt kommuniziert wurde, war schockierend.
In einer Managementsitzung erklärte der Geschäftsführer, er habe sich von dieser Mitarbeiterin trennen müssen, da sie nicht mehr die Werte des Unternehmens teilte.
„Entweder man steht hinter der Firma, oder man geht“,
fügte er hinzu – und sprach offen davon, sich von allen Parasiten im Unternehmen trennen zu wollen.
War ich die Einzige, die zusammenzuckte?
Ich weiß es bis heute nicht. Niemand reagierte.
An diesem Abend brach ich zum ersten Mal in Tränen aus.
🌧️ Der stille Abstieg
Das Engegefühl in meiner Brust wurde immer spürbarer, bis sich alles zusammenzog.
Ich hatte längst erkannt, dass dieser Geschäftsführer jähzornig und aggressiv war.
Aber was sollte ich tun?
Der Alltag nehm seinen Lauf. Meine Sensibilität hat sich zunehmend geschärft und ich nahm jedes verletzende Wort, jede Geste wahr.
Doch ich war zu erschöpft, um nach Feierabend noch nach einem neuen Job zu suchen.
Wir drei Manager blieben allein zurück – mit einem Chef, der sich immer mehr wie ein Tyrann verhielt.
Und in einer Welt, in der Individualismus herrscht, lebt jeder für sich, nach seinen eigenen Werten und Interessen.
Keine Unterstützung in einem Unternehmen, das in seinen Stellenausschreibungen Teamgeist großschreibt.
Freunde rieten mir, endlich den Mund aufzumachen, allerdings war das nicht so einfach.
Die Angst, gekündigt zu werden, keine neue Stelle zu finden, lähmte mich.
Ich wurde ständig krank. Dann kamen die Migräneanfälle sowie Tränenausbrüche nach der Arbeit.
Ich spürte, die Grenze deutlich zu überschreiten, aber ich kam nicht aus dem Teufelskreis heraus.
Keine Alternative oder Lösung.
Ich sagte mir: Reiß dich zusammen. Leg Dir einen dicken Pelz zu. Setze Grenzen. Sei stark.
Doch diese Grenzen wurden zu Mauern.
⚖️ Der Zusammenbruch
Mein Arzt schrieb mich zunächst für eine Woche krank, dann für weitere vier.
Eine erneute Verlängerung lehnte ich ab, aus Angst meinen Posten zu gefährden.
Was ich nicht wusste: Mein Schicksal war zu dem Zeitpunkt schon besiegelt.
Nach meiner Rückkehr wurde ich zum Gespräch mit der Personalabteilung und dem Geschäftsführer gebeten.
Indiskrete Fragen, verletzende Bemerkungen, unterschwellige Drohungen.
Man fragte mich, inwieweit das Unternehmen noch auf mich zählen könne.
Die folgenden Wochen wurden entscheidend.
Abwertende Kommentare über meine Arbeit, mein Verhalten, mein Wesen.
Wieder reagierte niemand. Jeder für sich.
Eines Morgens wachte ich mit einer Migräne und Brechanfällen auf.
Da wusste ich: Es muss eine Entscheidung getroffen werden.
Ich suchte erneut meinen Arzt auf und wusste, dass damit alles vorbei war.
Bereits eine Woche später erfolgte die Einladung zum Kündigungsgespräch.
Seitens Arbeitgeber war alles längst geplant.
Das Schwierigste war nicht der Verlust des Jobs.
Es war die Tatsache, ganz allein dazustehen.
Keine Kollegen, keine Führungskraft, kein Betriebsrat.
Nur Leere.
Dafür gibt es keine Worte.
💬 Der Weg der Heilung
Danach musste vieles neu geordnet werden – äußerlich sowie innerlich.
Warum hatte ich das so lange geduldet?
Warum so viel ertragen?
Damals gab es viele Gründe – vor allem finanzielle.
Doch im Grunde war es die Angst.
Die Angst, die es nicht zu urteilen sondern zu akzeptieren gilt.
Sie lähmt, das ist alles.
Also suchte ich nach einem Sinn.
Ach ja, diese endlose Frage nach dem Warum…
Kein Tag verging, ohne dass ich mich fragte: Warum passiert mir das? Welche Lehre soll ich daraus ziehen?
Freunde sagten mir: „Schalte ab, es ist doch nur Arbeit.“
Aber nein, Arbeit ist mehr als das.
Sie ist ein Teil von uns.
Wir drücken uns durch sie aus, identifizieren uns mit ihr.
Und wenn sie uns genommen wird, verlieren wir ein Stück von uns selbst.
🌱 Die Rückkehr zu sich selbst
Mein Arzt, eine einfühlsame Psychiaterin, EMDR-Sitzungen und Shiatsu haben mir geholfen, wieder Boden unter den Füßen zu finden. Regelmäßige Termine gaben mir das, was ich am dringendsten brauchte: Struktur und Halt in einer Phase völliger innerer Überforderung.
Am Anfang war alles undeutlich, wie im Dunst: Ständige Angstzustände, plötzliche Tränenausbrüche, Spannungen im Nacken- und Schulterbereich, starke Migräneanfälle, flacher Atem und Übelkeit, ausgelöst allein durch Angst – als wolle der Körper etwas abwehren, das zu viel geworden war.
Der Schlaf verschwand. Der Appetit auch.
Ich hatte keinen Hunger mehr. Keinen Lebenshunger.
Selbst das Verlassen der Wohnung wurde schwer. U-Bahn fahren, einkaufen gehen, Menschenmengen – alles löste eine stille Panik aus. Eine reaktive Agoraphobie hatte sich eingeschlichen: Die Außenwelt wirkte bedrohlich und mein Körper reagierte schneller als mein Verstand.
Shiatsu gab mir Halt – ein Moment, in dem mein Nervensystem zur Ruhe kam und mein Körper wieder Boden unter den Füßen fand. Mit jeder Sitzung entstand wieder ein kleines Stück Stabilität – ein tieferer Atemzug, ein Gefühl von Ruhe im Körper.
Durch die ruhige, gezielte Berührung fand ich Schritt für Schritt zurück in meinen Körper und die Gedanken kamen zur Ruhe.
Mit der Zeit wurde der Schlaf gleichmäßiger. Die Migräneanfälle seltener. Die Übelkeit schwächer. Der Appetit kehrte langsam zurück. Die Tränen wurden seltener, der Atem tiefer und der Körper beweglicher.
Es war nicht rasant. Kein plötzlicher Umschwung.
Es geschah langsam. Schritt für Schritt. Im Körper, nicht im Kopf.
Fast ein Jahr hat es gedauert, bis Worte wieder möglich waren.
Dieses Erleben war nicht nur meines – es ähnelt so vielen.
Solange wir nicht allein bleiben, solange Berührung, Präsenz und Mitgefühl uns begleiten, finden wir die Kraft, weiterzugehen.
Nach einer solchen Erfahrung schafft Shiatsu einen geschützten Raum zum Innehalten, Spüren und Wiederverbinden mit sich selbst…
🧠 3. Was chronischer Stress im Körper auslöst
Dauerstress hält das Nervensystem im Alarmmodus – ein Zustand, der häufig mit Burnout-Symptomen verbunden ist. Cortisol und Adrenalin bleiben hoch, der Körper findet keine Ruhe mehr. Schultern verkrampfen, Verdauung stockt, Schlaf bricht ein, Appetit verschwindet.
Der Körper beginnt zu sprechen, wenn wir selbst verstummen:
Ungerechtigkeit, Angst, Wut, Erschöpfung – gespeichert im Körpergedächtnis.
Das ist keine Schwäche.
Es ist eine Überlebensreaktion.
🤲 4. Wie Shiatsu unterstützt
Shiatsu wirkt direkt auf:
- das autonome Nervensystem
- die Atmung
- tiefe Muskel- und Faszienspannung
- die Körperwahrnehmung
- das Gefühl innerer Sicherheit
Sitzung für Sitzung findet der Körper aus dem Alarmzustand heraus.
Schlaf kehrt zurück. Appetit ebenso.
Atmung vertieft sich. Schmerzen lassen nach. Gedanken klären sich.
Shiatsu löscht das Erlebte nicht – es stellt die Fähigkeit wieder her, im eigenen Körper zu stehen.
🌿 5. Shiatsu: Mit sich selbst in Kontakt kommen, den Atem wiederfinden
Shiatsu schafft einen geschützten Raum zum Innehalten, Spüren und Wiederverbinden mit sich selbst. Die achtsame und warme Berührung fördert ein tieferes Körperbewusstsein und lädt dazu ein, Spannungen loszulassen.
Shiatsu unterstützt sanft Menschen nach einem Burnout, in Phasen von Stress oder innerem Konflikt. Es hilft, den Atem zu vertiefen, neue Kraft zu schöpfen und innere Klarheit zu finden.
In dieser stillen, respektvollen Begegnung darf der Körper erzählen, was Worte oft nicht ausdrücken können – und Schritt für Schritt entsteht wieder Verbindung, Ruhe und Vertrauen.
Den Atem wiederfinden ist bereits der erste Schritt zur Heilung.
🍷 6. Zwischen Anpassung und Rückzug: After-Work-Rituale als Überlebensventil
After-Work-Veranstaltungen sind ein fast unverzichtbarer sozialer Ausgleich: Man entspannt, lacht, prostet. Doch oft sind sie ein verzweifelter Versuch, der Spannung zu entkommen.
Für andere ist es Rückzug zu Hause, manchmal mit Tränen. Zwei Extreme, zwei Wege, dieselbe Not auszudrücken: Die Notwendigkeit, den Druck abzubauen.
💡 7. Managementfähigkeiten neu bewerten
Manager werden zu oft nach technischen Fähigkeiten oder Ergebnissen eingestellt, selten nach emotionaler Intelligenz. Doch gute Führung bedeutet vor allem, mit menschlicher Komplexität umzugehen – zuzuhören, Grenzen zu setzen und die menschliche Seite anzuerkennen.
Ein psychologisches oder emotionales Eignungsgespräch vor der Übernahme einer Führungsrolle wäre kein übertriebener Luxus, sondern eine sinnvolle Maßnahme zur Vorbeugung von kollektivem Stress und Unzufriedenheit. Denn hinter schlechtem Management steht oft ein Mensch, der auf diese menschliche Verantwortung nicht vorbereitet war.
🌾 8. Schlusswort: Ein Weg zurück ins Leben ist möglich
Leiden am Arbeitsplatz ist kein persönliches Versagen.
Es ist eine menschliche Reaktion auf unmenschliche Bedingungen.
Es ist möglich, wieder Atem, Würde und Kraft zu finden.
Manchmal beginnt alles mit einem Raum, in dem man nicht funktionieren muss, sondern einfach sein darf.
Sie sind nicht allein. Und es gibt Wege zurück.