Prostatakrebs und männliche Identität

Prostatakrebs betrifft nicht nur ein Organ, sondern oft auch das Verhältnis eines Mannes zu seinem Körper, zu seiner Sexualität und zu seiner Identität.

Zwischen Diagnose und Selbstverständnis

Zu Beginn dieses Jahres wohnte ich der Podiumsdiskussion « Les douleurs invisibles du cancer de la prostate » (zu dt. „Die unsichtbaren Schmerzen des Prostatakrebs“) im Institut Rafaël in Paris bei. Im Mittelpunkt stand eine Frage, die weit über medizinische Aspekte hinausreicht: Wie verändert Prostatakrebs das Selbstverständnis eines Mannes?

Diese Frage verlangt einen Perspektivwechsel. In einer Gesellschaft, die sich vor allem mit Sichtbarem, Messbarem und Behandelbarem beschäftigt, geraten die stilleren – aber strukturellen – Erschütterungen leicht aus dem Blick, die eine Krankheit im Innersten auslösen kann. Prostatakrebs gehört heute zu den häufigsten Krebserkrankungen weltweit und ist in Frankreich die am häufigsten neu diagnostizierte Krebsart bei Männern. Und dennoch geht es um mehr als eine organische Diagnose. Es geht um Identität. Um das Verhältnis eines Mannes zu sich selbst.

Männlichkeit unter Druck – Erwartungen, Virilität und Schweigen

Die Erkrankung trifft auf ein Identitätsbild, das von tief verankerten gesellschaftlichen Erwartungen geprägt ist: Stärke, Durchsetzungskraft, Schutz, Entscheidungsfähigkeit. Männlichkeit wird noch immer stark mit äußerer Präsenz, Handlungsfähigkeit und Kontrolle verbunden. In der östlichen Denkweise ließe sich dies mit dem Prinzip des Yang vergleichen – jener nach außen gerichteten, aktiven Kraft.

Für Ohnmacht, Abhängigkeit oder Verletzlichkeit bleibt in diesem Bild kaum Raum.

Doch dieses Modell wirkt nicht nur von außen. Es ist längst verinnerlicht und wirkt als stille Norm. In der Diskussion wurde deutlich: Die zentrale Angst vieler Betroffener richtet sich nicht allein auf die Krankheit selbst. Sie betrifft das Gefühl, nicht mehr zu „funktionieren“. Nicht mehr jener Figur zu entsprechen, die über Generationen mit Männlichkeit verknüpft wurde – derjenige, der führt, handelt, kontrolliert.

Wenn die Prostata erkrankt, gerät daher nicht nur eine biologische Funktion ins Wanken. Es verschiebt sich eine symbolische Position in einem System, das Leistungsfähigkeit und Kontinuität hoch bewertet.

Unscharfe männliche Silhouette im Gegenlicht – Symbol für Identitätsverunsicherung und Verlust von Kontrolle bei Prostatakrebs

Sexualität, Libido und Erektionsverlust

Im Zusammenhang mit Prostatakrebs ist nicht nur eine sexuelle Funktion betroffen. Erschüttert wird vielmehr die Vorstellung dessen, was es bedeutet, als Mann zu „funktionieren“. Denn die medizinischen Behandlungen – Hormontherapie, Bestrahlung oder Prostatektomie – können die Erektion beeinträchtigen, die Ejakulation verändern oder die Libido deutlich verringern.

Doch jenseits der körperlichen Auswirkungen steht für viele Männer vor allem ein Gefühl im Vordergrund: Ohnmacht. Das Empfinden, dass der eigene Körper nicht mehr das gewährleistet, was lange selbstverständlich erschien. Dazu gehört auch die häufige Frage, wie Sexualität nach Prostatakrebs wieder möglich werden kann.?

In einem kulturellen Kontext, in dem Sexualität noch immer eng mit Leistung und Penetration verknüpft ist, trifft diese Veränderung das verinnerlichte Bild von Männlichkeit. Sexualität verschwindet nicht. Aber sie folgt nicht mehr denselben Mustern. Sie muss neu gedacht und neu gelebt werden.
Das bedeutet, vertraute Vorstellungen zu hinterfragen – und das bleibt nicht ohne innere Bewegung. Häufig entsteht ein Gefühl von Schuld: Nicht zu genügen, nicht mehr geben zu können, was man zu geben glaubt. Diese Schuld ist keine moralische. Sie entspringt der Spannung zwischen einem verinnerlichten Ideal und einem veränderten Körper.

In diesem Spannungsfeld kann sich eine Abspaltung entwickeln. Der Körper wird zum sichtbaren Ort des Kontrollverlustes. Um sich zu schützen, distanzieren sich manche Männer innerlich von ihm, als wäre er zum Beweis eines persönlichen Scheiterns geworden. Der Verlust der Libido betrifft daher nicht nur die Sexualität. Er reicht tiefer. Er berührt Antrieb, Zukunftsorientierung, den Schlaf sowie das Gefühl, das eigene Leben aktiv zu gestalten. Nicht nur das Begehren gerät ins Wanken, sondern die Erfahrung, sich selbst als wirksam zu erleben.

Und damit stellt sich eine grundlegende Frage:
Wer bin ich jenseits des Tuns, wenn mein Körper nicht mehr für Stärke und Kontrolle steht? Wenn ich dem Bild nicht mehr entspreche, das mit Männlichkeit verknüpft wird – bin ich dann noch ein Mann? Was definiert Männlichkeit tatsächlich?

Den eigenen Körper wieder bewohnen – jenseits des Kampfes

Was die Krankheit oft so schwer macht, ist nicht nur der Verlust selbst, sondern der fortwährende Kampf gegen den eigenen Körper. Diese Logik des Widerstands ist nachvollziehbar, und doch vertieft sie die innere Spaltung. Denn es geht nicht allein um eine veränderte Funktion. Es geht um Verlust, um eine Verletzung der Virilität, um eine narzisstische Kränkung, die mitunter tief reicht. Für manche nimmt diese Erfahrung sogar traumatische Züge an, weil das verinnerlichte Bild von Männlichkeit erschüttert wird.

Stilisierter männlicher Körper in Aquarell, im Wasser stehend – Sinnbild für Verletzlichkeit und Versöhnung mit dem Körper bei Prostatakrebs

Es genügt daher nicht, eine körperliche Veränderung einfach hinzunehmen. Es braucht einen Abschied von einer archaischen Vorstellung des Männlichen, die lange als selbstverständlich galt. Erst aus dieser inneren Verschiebung kann sich etwas Neues entwickeln: Eine andere Weise, den eigenen Körper zu bewohnen. Eine mögliche Versöhnung – nicht mit dem, was verloren ging, sondern mit dem, was weiterhin da ist.

In diesem Zusammenhang können körperorientierte Ansätze wie Shiatsu einen besonderen Raum eröffnen. Sie geben weder vor, Krebs zu heilen, noch ersetzen sie medizinische Behandlungen. Doch sie ermöglichen eine Erfahrung, in der der Körper nicht ausschließlich als Problem erscheint, sondern wieder als lebendiger Teil des Selbst wahrgenommen werden kann. Dort, wo zuvor Distanz entstanden war, kann sich behutsam erneut Verbindung einstellen.

Diese Rückkehr zum Körper geschieht selten spektakulär. Sie braucht Zeit. Sie verlangt Respekt vor dem eigenen Rhythmus und den eigenen Grenzen. Doch sie kann etwas Wesentliches ermöglichen: Den Schritt aus der permanenten Auseinandersetzung hin zu einer inneren Kontinuität.

Eine sensible Resonanz – männliche Einsamkeit im Verlust von Kontrolle

Diese innere Bewegung findet eine bemerkenswerte Resonanz im japanischen Film Jusqu’à l’aube von Sho Miyake. Der Film erzählt von einem Mann und einer Frau, die jeweils mit eigenen körperlichen Herausforderungen leben. Mit großer Zurückhaltung zeigt er jedoch, wie tief ein Mann erschüttert werden kann, wenn sein Körper nicht mehr dem Bild von Stärke und Kontrolle entspricht, das ihm zugeschrieben wird.

Auch weibliches Leiden wird häufig unterschätzt und doch existieren dafür gesellschaftliche Erzählungen und Deutungsmuster.

Männliche Verletzlichkeit hingegen, insbesondere wenn sie mit dem Verlust von Kraft oder sexueller Funktion verbunden ist, gerät stärker in Widerspruch zu tradierten Vorstellungen von Männlichkeit – und bleibt daher oft isolierter.

Vielleicht liegt hierin eine der zentralen Herausforderungen von Prostatakrebs: Nicht nur die Krankheit zu überleben, sondern eine neue Weise zu finden, mit und nach Prostatakrebs zu leben sowie den eigenen Körper, die eigene Identität und das eigene Mannsein zu bewohnen. Nicht länger ausschließlich bestimmt durch stetige Leistungsanforderung, sondern fähig, Fragilität, Innerlichkeit und Präsenz in sich aufzunehmen.

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